Atammaya Köln

»Atammayatā vutta bhagavatā, yena yena hi maññanti tato taṃ hoti aññathā’ti

»Nicht-Identifikation [selbst mit erhabensten Geisteszuständen] hat der Vollendete gelehrt. Anders wird es doch, als sie es immer meinen.«

Majjhima Nikāya M iii 44 / M 113

Atammaya – ein alter Klang mit neuer Wirkung


Der Begriff »atammaya« ist schwer unter einen deutschen Hut zu kriegen. Er entstammt einigen weniger bekannten Passagen aus den Lehrreden des Pali-Kanons.(*) Es ist das Verdienst Ajahn Buddhadāsas, daß dieses faszinierende Konzept spiritueller Freiheit heute wieder vermehrt Aufmerksamkeit erfährt. Die alten Kommentare des Pali erachten den Begriff zwar für wichtig, sind aber seltsam scheu in ihren Ausführungen.

Das adjektivische Komposit a-tam-maya läßt sich wörtlich übersetzen mit a- ›nicht‹, tam- ›daraus / davon‹, maya ›bestehend‹ / ›gemacht‹ – zusammengefasst also ›nicht-daraus-gemacht‹. Sein Gegenteil tammaya, ›bestehend aus diesem‹, taucht - in negativer Bedeutung - ebenfalls in den Lehrreden auf. Im übertragenen Sinn läßt sich a-tam-maya als ›unverstrickt‹, als ›ohne Anhangen‹ und als ›nicht von dieser Art‹ wiedergegeben.

Der durch den Buddha aufgenommene — und kritisierte — Begriff tammaya bezieht sich auf ein bereits in der vedischen Tradition auftauchendes Verständnis, daß der Geist, der sich in vollständiger Ausrichtung und Geistesgegenwart mit brahman befindet, gänzlich zu brahman wird, er im Akt des Erkennens also mit dem erkannten Gegenstand quasi identisch wird: »Wie die Hand die Form des umschlossenen Gegenstandes annimmt« (Gombrich, S. 86). Dies also ist die Bedeutung des Begriffes tan-mayatā ('bestehend-aus-diesem': Daß der Geist des Meditierenden mit dem erschauten Gegenstand wesensgleich wird (Gombrich, a.a.O.). Psychologisch gesprochen entspricht eine solche Haltung jener der 'Aneignung' (psychische Äquivalenz), d.h. der völligen Identifikation des oder der Erlebenden mit dem gedachten oder vorgestellten Geistesinhalt.

Die Negation dieses vedischen Verständnisses von einer »Wesensgleichheit« des Geistes mit seinen Inhalten, auf die die Darlegungen des frühen Buddhismus mit dem Begriff der Nicht-Identifikation (a-tammaya) hinweisen, liefert einen Schlüsselaspekt spiritueller Verwirklichung aus der Sicht des Buddha: In einer objektbezogenen, nach außen gerichteten Perspektive bedeutet atammayatā (hier in substantivierter Form) eine Haltung des ›Nicht-Gestaltens‹ bzw. ›Nicht-Verdinglichens‹ der sinnlich erfahrenen Welt durch den erlebenden Geist; in einer subjektiven, nach innen gerichteten Perspektive entspricht atammayatā einer Haltung des ›Nicht-Anhaftens‹ und der ›Nicht-Identifikation‹.


Aus den Lehrreden der Angereihten Sammlung:

Unbeschränkte Vorstellung der Unpersönlichkeit (Atammaya Sutta)

Wenn ein Mönch sechs Segnungen bedenkt, ihr Mönche, so ist es wahrlich genug für ihn, um uneingeschränkt die Vorstellung von der Unpersönlichkeit aller Dinge in sich zu erwecken. Welches sind diese sechs Segnungen?

'Hinsichtlich der ganzen Welt werde ich ohne Hangen (atammaya) sein.
Die Ich-Gedanken werden in mir schwinden.
Die Mein-Gedanken werden in mir schwinden.
Mit außergewöhnlicher Erkenntnis werde ich ausgestattet sein.
Die Ursachen werde ich klar schauen
sowie die aus Ursachen entstandenen Dinge.'
AN 6, 104 (Übersetzung: Nyanatiloka)

“cha, bhikkhave, ānisaṃse sampassamānena alameva bhikkhunā sabbadhammesu anodhiṃ karitvā anattasaññaṃ upaṭṭhāpetuṃ.
katame cha?
sabbaloke ca atammayo bhavissāmi,
ahaṅkārā ca me uparujjhissanti,
mamaṅkārā ca me uparujjhissanti,
asādhāraṇena ca ñāṇena samannāgato bhavissāmi,
hetu ca me sudiṭṭho bhavissati,
hetusamuppannā ca dhammā.
ime kho, bhikkhave, cha ānisaṃse sampassamānena alameva bhikkhunā sabbadhammesu anodhiṃ karitvā anattasaññaṃ upaṭṭhāpetun”ti.
A iii 444

Literatur zu atammaya / atammayatā:
Kanonisch: (*)
M 113; M 137; A 3,40; A 6,104; Snip 850 (852) na tammayo
Sekundär:
- Sferra, Francesco: »Atammayatā in the Pāli Nikāyas«. In: Annali. Università Degli Studi Di Napoli “l’Orientale” Napoli, 2007., lxvii
- Gombrich, Richard: How Buddhism Began. The Conditioned Genesis of the Early Teachings. (2ed). 2006 (In: III Metaphor, Allegory, Satire)
- Santikaro: »Atammayata: Rebirth of a Lost Word«., 1993. [accessed 24. February 2013]
- Tan, Piya: »Atammayatā. Not Making Anything of That: An Introductory Study of an Ancient Term«., 2007.
- Nyanananda, Bhikkhu: The Magic of the Mind: An Exposition of the Kālakārāma Sutta. Kandy, 1974. (S. 52)
- Nyanananda, Bhikkhu: Concept and Reality in Early Buddhist Thought. Kandy, 1971. (S. 32-34)
- Amaro, Ajahn/Pasanno, Ajahn: The Island: An Anthology of the Buddha’s Teachings on Nibbāna. 2009. (In: VI Atammayatā: “Not made of that”)


Letzte Änderung: 20.01.2017 • © Akincano 2007-2017